Jan Hüge

Desintegration und islamischer Fundamentalismus bei türkischen Jugendlichen in Deutschland

 

Identitätskrise

In Deutschland leben etwa 450.000 türkische Jugendliche zwischen 15 und 21 Jahren. Sie sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ganz anders ihre Eltern, deren Erziehung und Sozialisation zum größten Teil noch in der Türkei stattfand. Dadurch rutschen die türkischen Jugendlichen viel stärker als Deutsche in Identitätskrisen. Sie befinden sich in einem Loyalitätskonflikt zwischen den Normen und Anforderungen ihrer Eltern sowie den Erwartungen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und der deutschen jugendlichen Vergleichsgruppe. Verstärkt wird diese Identitätskrise zum einen durch die Tatsache, dass sich bei der deutschen Mehrheitsgesellschaft ein Klima herausbildet, das auf Unkenntnis und Unverständnis gegenüber der islamischen Kultur aufbaut. Das Anderssein türkischer Familien wird höchstens geduldet und nicht anerkannt, oftmals aber auch abgelehnt und bekämpft. Zum anderen gibt es immer wieder Versuche dem drohenden Verlust der nationalen und religiösen Identität durch striktes Festhalten an alten Traditionen Einhalt zu gebieten. Das wird oft verbunden mit dem Schüren von Aggressionen  gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Integration und Freizeitgestaltung

Aus der Tabelle kann man entnehmen, dass über die Hälfte der türkischen Jugendlichen ihre Freizeit mit deutschen Jugendlichen zusammen verbringen. In diesem Zusammenhang kann man sicherlich schon von einer teilweise gelungenen Integration sprechen. Allerdings gaben 65,6 Prozent der Jugendlichen an, dass sie sich engeren Kontakt zu den Deutschen wünschen würden. Das zeigt, dass die Kontakte eher oberflächlich zu sein scheinen. Auf Konzerten oder in Diskos sind türkische Jugendliche zum größten Teil generell erst ab 18 Jahren. Und dann sind es auch meistens männliche Jugendliche. Wenn weibliche Jugendliche sich dort aufhalten, dann meistens in Begleitung eines männlichen Familienmitgliedes. Das mag an der traditionellen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau im Islam liegen. Diese Tatsache schafft Berührungs- und Kontaktängste bei den deutschen Jugendlichen.

 

Diskriminierung

Ältere Jugendliche berichten häufiger von Diskriminierungen als jüngere. Das mag daran liegen, dass sie selbstständiger agieren und es deshalb zu mehr Kontaktsituationen im öffentlichen Leben kommt und sie so auch mehr negative Erfahrungen machen. Unter den älteren Jugendlichen berichten vor allem die männlichen von Diskriminierung, da sie aufgrund der traditionellen Rollenordnung noch mehr Eigenständigkeit entwickeln müssen. Eine Aufschlüsselung nach dem Schulbesuch ergibt, dass Gymnasiasten gefolgt von den Berufsschülern von den meisten Ungleichbehandlungen berichten. Am geringsten diskriminiert fühlen sich die Hauptschüler. Die Unterschiede kommen vermutlich daher, dass diejenigen die Diskriminierungen am stärksten wahrnehmen, die am stärksten versuchen sich zu integrieren und sich zusätzlich im Konkurrenzkampf mit deutschen Jugendlichen befinden.

 

Fundamentalistische und nationalistische Orientierungen

Überlegenheitsansprüche des Islam zeichnen sich durch religiös motivierte Orientierungen aus, die den Vorrang der Religion gegenüber nationalen Zugehörigkeiten und politischen Ansichten betonen. Eine Umfrage ergab, dass rund die Hälfte aller muslimischen Jugendlichen Positionen zustimmten, die einen islamischen Überlegenheitsanspruch propagierten. Differenziert man die Personengruppen, die solchen Positionen zustimmen, so stellt man fest, dass vor allem jene zustimmen, bei denen die persönlichen Zukunftschancen stark beschränkt sind. So halten vor allem Hauptschüler islamische Überlegenheitsansprüche für gerechtfertigt. Die Zustimmung unter den Gymnasiasten ist jedoch sehr klein. Eine besondere Brisanz entwickeln solche Überlegenheitsansprüche, wenn sich die Anhänger solcher Theorien zu Organisationen zusammenschließen. Solche Gruppen heißen zum Beispiel „Milli Görüs“ oder „Graue Wölfe“. Beide Organisationen vertreten islamisch-fundamentalistische Orientierungen zusammen mit nationalistischen Positionen. Beide Organisationen gehen direkt auf islamische Jugendliche zu und arbeiten mit ihnen. Leider ist diese Arbeit oft sehr integrationshemmend. Das geht bis zu demokratiefeindlichen Integrationsangeboten. Insgesamt gibt mehr als ein Drittel aller türkischen Jugendlichen an, dass ihre Interessen durch zumindest eine der beiden Gruppen gut vertreten werden. Diese Tatsache ist ein zentraler Hinweis darauf, dass sich vor allem Jugendliche mit schlechten Zukunftschancen und geringer Bildung solchen extremen Gruppen anschließen. Aufgrund der sich verschlechternden Arbeitsmarktsituation ist dies keine erfreuliche Zukunftsperspektive.

 

                        Quellen: