
Anna Wasmund
Die Bevölkerung in Frankreich könnte ethnisch
nicht vielfältiger sein. Schon immer hat in dem Land, in dem Staat und Religion
strikt getrennt werden, die Religion der Immigranten für Aufmerksamkeit
gesorgt. Belgier, Polen, Spanier und Italiener immigrierten nach Frankreich und
lebten dort ihre eigene Form des Katholizismus aus.
Nach 1945 aber kamen erstmals muslimische
Immigranten nach Frankreich. Im Unterschied zu Deutschland waren dies aber keine
Türken, sondern Maghrebiner und später Afrikaner. Viele der Einwanderer und
deren Nachkommen nahmen nicht die französische Staatsangehörigkeit an. Doch
trotzdem entwickelte der Islam sich zur zweiten Religion in Frankreich, noch
Heute leben nach Auskunft des
Innenministeriums in Frankreich schätzungsweise
4 115 000 Muslime. Sie machen
etwa acht Prozent der Bevölkerung aus. 2,9 Millionen sind algerischer Herkunft.
Die anderen kommen aus Marokko, Tunesien, Schwarzafrika, der Türkei und Asien.
Die meisten leben in und um Paris in einfachen Wohnblocks. Ihren Glauben
praktizieren sie meist in privaten Unterkünften.
Frankreichs Muslime bleiben
im Alltag meist unter sich. „Ich weiß nicht genau, woran das liegt, aber der
Islam und Frankreich, selbst wenn es nach außen unproblematisch aussieht, sind
sich fremd. Als ob da noch eine Rechnung zwischen beiden offen sei. Wie soll so
ein wirkliches Gemeinschaftsgefühl entstehen“, meint Arzt Ali Aissaoui (33),
der vor zehn Jahren aus Palästina übersiedelte.
Tatsächlich sind die
Vorurteile vor allem gegen die algerischen Immigranten und ihre Nachkommen noch
in Verbindung mit der Kolonisierung Algeriens im 19. Jahrhundert zu sehen.
Damals war das koloniale Menschenbild so, dass die weiße Rasse den farbigen
Rassen überlegen war. Dies diente vor allem als Legitimierung der kolonialen
Machtergreifung: Die Weißen waren moralisch dazu verpflichtet die Farbigen bei
deren Entwicklung zu unterstützen und an die Zivilisation heranzuführen. Bald
stellte sich aber heraus, dass die Kolonisierten noch so zivilisiert sein
konnten, sie waren ihren Kolonialherren trotzdem unterlegen. Sie nahmen Anteil
an der französischen Zivilisation, blieben jedoch Bürger zweiter Klasse. So
kann man es heute in Frankreich auch noch beobachten.
Dies war aber nicht der
einzige Unterschied, den die französischen Kolonialherren gegenüber den
kolonisierten Völkern machten. Unter den Volksgruppen des französischen
Kolonialreiches (dazu gehörten Araber, Schwarzafrikaner und Asiaten)
unterschieden sie nochmals: Die Asiaten galten als fleißig und friedlich, außerdem
attraktiv in ihrem Aussehen, die Schwarzafrikaner wurden als äußerst gutmütig
und fröhlich beschrieben. Nur die Araber Algeriens hatten von Anfang an ein
negatives Image. Bei der Kolonisierung wehrten sich die Algerier mehr als alle
anderen von den Franzosen kolonisierten Völker gegen die Unterwerfung und
Enteignung. Vor allem aber war die kulturelle Prägung durch den Islam ein
Umstand, der den Arabern zum schlechten Image verhalf. Der Islam galt damals als
Widersacher und Gegenbild des Christentum und die Kolonialherren machten den
Islam für den harten Widerstand der Araber verantwortlich. Der „Islam“
wurde also schon in der Kolonialzeit mit dem „Araber“ gleichgesetzt.
Auch heute noch gelten die
Araber unter den verschiedenen Immigrantengruppen als die, der man am besten
nicht über den Weg laufen sollte. Bei einer Umfrage im Jahr 1997 sagten 61 %
der Befragten, dass es zu viele Araber in Frankreich gibt.
Die fortdauernde Verwicklung
Frankreichs in die algerische Problematik spielt beim Verhältnis zwischen den
Franzosen eine entscheidende Rolle. Nach der Kolonisierung kam es 1954 zu einem
Unabhängigkeitskrieg, der erst 1962 mit zahlreichen Opfern auf beiden Seiten
endete. Frankreich verlor diesen Krieg. Es war eine moralische Niederlage, die
zum Teil heute noch nicht verwunden ist. Denn auch nach 40 Jahren scheinen die
Erinnerungen noch so in den Köpfen zu stecken, dass diese nationale Kränkung
nicht vergessen werden kann. Da ist es nicht verwunderlich, dass die „Beurs“
(wie die Araber in Frankreich genannt werden) sich nicht richtig integrieren können.
Zahlreiche öffentliche Affären, in denen Algerier verwickelt waren, holten
diese alten Erinnerungen wieder ans Tageslicht. In den Jahren 1989 – 1995 gab
es allein vier solcher Affären und politische Ereignisse, die das Bild der
Algerier aus den Kolonialzeiten wieder ins Leben gerufen haben.
1995 und 1996 wurde
Frankreich schließlich in den algerischen Bürgerkrieg hineingezogen. Von
terroristischen Attentaten algerischer Fundamentalisten wurde Frankreich dann überschattet.
Wieder wurden Islam und die Araber zusammen als Feindbild angesprochen. Ob
„Beurs“ und Moslems überhaupt integrationsfähig sind, wurde erneut häufig
in Frage gestellt. Besonders als im August 1994 prominente Muslime unter
Islamismus–Verdacht standen, im Juli 1995 nach einem Bombenanschlag in der
Pariser Metro neun Menschen starben und zwei Monate später der Schnellzug –
Attentäter Khaled Kelkal auf offener Strasse von Polizisten erschossen wurde,
standen der terroristische Islam und der französische Staat sich wieder gegenüber.
Aufgrund der Kolonialzeit
haben viele Muslime aber auch ein falsches Bild von den Franzosen. Dies äußert
sich dann insbesondere durch Gewalt. Viele Moslems in Frankreich isolieren sich,
indem sie in islamischen
Stadtvierteln wohnen, wo sie nur von ihren Landsleuten umgeben sind. Durch diese
Isolierung wird das Erlernen der französischen Sprache erschwert und damit auch
die Integration. Vor allem aber entsteht durch die Gewalt auch auf französischer
Seite Hass und Ablehnung gegen den Islam. Die „Front National“ Partei nutzt
dieses aus und macht damit Wahlkampf. Man geht in die erwähnten Viertel und
deren Grenzbereiche, um die Franzosen anzusprechen, sich mit ihnen über die
Probleme zu unterhalten und dann die Partei und ihre Ziele bekannt zumachen.
Diese Ziele richten sich dann häufig gegen die Menschen, die ihren Glauben im
Islam gefunden haben.
Der Islam selbst hat sich in Frankreich sehr verändert. Die ersten Einwanderergenerationen praktizierten einen bescheidenen, fast versteckten Islam. Der heutige französische Islam tritt nicht so sanft und verbindlich auf. Er entsteht in Keller – und Hinterhofmoscheen, in Zweckbauten am Rand der Städte und in improvisierten Koranschulen. Die Gläubigen verlangen von ihrem Land Frankreich Respekt, Offenheit für ihre Anliegen und Verständnis für ihre Religion.
Dalil
Boubakeur und Michael Bertrand zur Situation des Islam in Frankreich
Quellen
http://www.das-parlament.de/2002/03_4/thema/031.html
http://www.france-mail.forum.de/fmf24/neu/24Adelle.html
http://www.sonntagsblatt.de/artikel/1999/9/9-s5.html
Patrick
Cabanel: Laizität und Religionen im heutigen Frankreich
Jürg
Schoch: „Ein Toleranz – Edikt für den Islam“, in: Züricher
Tagesanzeiger vom 30.03.1998
